Der runde Tisch Jesu[1]

Maximino Cerezo Barredo "En la Cena ecológica del Reino"

Es ist ein “Geheim-Code” und wir müssen unbedingt lernen, ihn zu entziffern: wenn Jesus spricht, denkt, fühlt und handelt, so tut er das in Kreisen; wir aber übersetzen seine Botschaft in Rechtecke.

Und es geschah, als er an einem Sabbat in das Haus eines angesehenen Pharisäers zum Essen kam, dass man ihn sehr genau beobachtete.

Er erzählte aber den Geladenen ein Gleichnis – er hatte nämlich beobachtet, wie sie die Ehrenplätze auswählten -, und er sagte zu ihnen: Wenn du von jemandem zu einem Hochzeitsmahl eingeladen wirst, dann setz dich nicht auf den Ehrenplatz. Es könnte nämlich einer eingeladen sein, der angesehener ist als du, und der, der dich und ihn eingeladen hat, könnte kommen und zu dir sagen: Mach diesem Platz! Dann müsstest du voller Scham den untersten Platz einnehmen. Nein, wenn du eingeladen wirst, dann geh und lass dich auf dem untersten Platz nieder, damit dein Gastgeber, wenn er kommt, zu dir sagen wird: Freund, rücke weiter nach oben! Dann wird dir Ehre zuteil werden in den Augen aller, die mit dir zu Tisch sitzen. Denn wer sich selbst erhöht, wird erniedrigt werden, und wer sich selbst erniedrigt, wird erhöht werden. Zu dem aber, der ihn eingeladen hatte, sagte er: Wenn du ein Mittagessen oder ein Abendessen gibst, so lade weder deine Freunde noch deine Brüder noch deine Verwandten noch reiche Nachbarn ein, damit sie nicht Gegenrecht halten und dich ihrerseits wieder einladen. Nein, wenn du ein Gastmahl gibst, dann lade Arme, Verkrüppelte, Lahme und Blinde ein. Und du wirst selig sein, weil sie nichts haben, es dir zu vergelten. Denn es wird dir vergolten werden in der Auferstehung der Gerechten.[2]

Dies ist einer dieser Bibeltexte, mit denen man ziemlich zu kämpfen hat; aber nicht nur mit dem Bibeltext, sondern auch mit den verschiedenen Kommentatoren und der Tradition.  Es fällt mir schwer, zu akzeptieren, dass es Jesus um die Einhaltung des Protokolls geht und er zum Image und Etiketten-Berater mutiert. Es tut mir im Herzen weh, an Jesus zu denken wie er die Tochter eines russischen Grafen imitiert, die uns im argentinischen Fernsehen darin unterrichtet, wie man das Besteck an einem elegant gedeckten Tisch benutzen muss. Es bedrückt mich, an Jesus zu denken, wie er uns anweist, wie man die Serviette halten muss, welches Weinglas zu welchem Wein, welche Gabel zu welcher Speise und welches Gespräch zu welcher Situation passt. Es fällt mir schwer, einzusehen, dass den Kern dieses Bibeltextes einzig und allein eine Sammlung an Ratschlägen zu guter Erziehung und Demut bildet. Wenn das Demut sein soll, dann wären wir dem Himmel schon so nah, wenn wir einfach nur die hinteren Sitze in Konferenzen, Kirchen und politischen Versammlung besetzen würden. Ich habe den Verdacht, dass sich in dem Text noch etwas  Hintergründiges und Verstecktes befindet, das uns dazu herausfordert, tiefer zu gehen, um es zu entdecken. Ich bin mir sicher, dass wir es mit einer kodierten Botschaft zu tun haben, einem „Geheim-Code“ und wir müssen unbedingt lernen, ihn zu entziffern.

Diesen Evangeliums-Text hatten sicherlich viele Mitglieder meiner Heimat-Gemeinde im Kopf. Jeden Sonntag besetzten sie die hintersten Bänke der Kirche, weil es ein Brauch war, der unsere „Demut“ offenlegte. Ein paar Draufgänger wagten es sogar, die Bänke in dem Mittelteil der Kirche zu besetzen, um bloß nicht der Sünde als Hochmütige, die sich auf die ersten Bänke setzen, anheimzufallen. Ich hatte schon immer die Vermutung und das Gefühl, dass wir, die wir uns hintanstellen, tief in unserem Herzen einen kleinen Funken Hoffnung hatten, dass uns irgendjemand sieht und uns einlädt, uns auf den Ehrenplatz zu setzen, um alle, die wir mit unserer  „Demut“ beindrucken wollten, staunen zu lassen. Ich glaube, dass wir einige Details vergessen, die bei der Lektüre dieses Textes auftauchen. Personen und Gruppen, die anfällig sind für HIV und AIDS, zu begleiten, hat mich zutiefst sensibilisiert für diese Details.

Wir müssen uns bewusst machen, dass diese Perikope auf dem Weg Jesu nach Jerusalem verortet ist, unmittelbar vor dem abschließenden Aufeinandertreffen mit denen, die die Schriften anders interpretieren und mit jenen, die sich bedroht fühlen von seiner Gemeinschaft mit den Stigmatisierten. Wenn ich richtig verstanden habe, wird niemand zum Tod am Kreuz verurteilt, nur weil er Ratschläge zu Etiketten, gutem Benehmen und Höflichkeitsregeln verteilt. In dieser Perikope finden wir zwei Tischformen. Auf der einen Seite ist der Tisch im Haus des angesehen Pharisäers, wo es ein Oben und ein Unten gibt, ein Vorne und Hinten; so sehen die Tische aus, die dem Tisch entgegenstehen, den Jesus vorschlägt. Was dieser Bibeltext in Frage stellt, sind die Tischformen, die uns die Gesellschaft und auch viele Kirchen anbieten. Es reicht vollkommen, die Stufen, die Unterteilungen und die Anordnung der Sitze in den Versammlungssälen unserer eigenen Glaubensgemeinschaften zu betrachten, um die Ähnlichkeit mit dem Tisch der angesehenen Pharisäers festzustellen. In vielen unserer Gemeinden verweisen die verschiedenen und raffinierten Stufen darauf, dass in unserer Theologie und unserer Konzeption von Kirche immer noch die Idee vom Oben und Unten fortdauert.  Diese Stufen sind ein Anschlag auf unser theologisches Grundbekenntnis zum Priestertum aller Glaubenden.

Die Art und Weise wie wir die traditionellen, eleganten, schweren und historische Sitze in unseren Kirchen anordnen, sind ein Zeugnis davon, wie in unserer Praxis die Tische der angesehenen Pharisäer immer noch fortdauern und unserer konfessionellen Identität, unserer Taufgleichheit und unserer simpelsten pastoralen Tätigkeit widersprechen. Die Glaubenden wurden so gesetzt, dass sie aufhörten, Protagonisten im Herrenmahl zu sein, um sich, aufgrund ihres Standorts, in schlichte Beobachter zu verwandeln. Deswegen fühlen sich wahrscheinlich heutzutage viele Kirchen so wohl und komfortabel in alten Kinos und Theatern.[3] Das ist eine klare theologische Entscheidung und nicht einfach  nur eine ästhetische und praktische Angelegenheit. Die Art und Weise wie wir uns um den Tisch Jesu versammeln sagt mehr aus als tausend theologische Worte. Was hier auf dem Spiel steht, ist die hierarchische Struktur dieses Tisches mit seinem Oben und Unten, mit seinem Vorne und Hinten. Der Tisch Jesu hat nicht mehr diese Anordnungen, denn zu aller erst handelt es sich um einen Tisch und nicht um einen Konferenzsaal.

Jesus lädt uns ein, uns um den Tisch des Wort Gottes und des Herrenmahls in der Gleichheit zu versammeln, die wir durch die Taufe und den Glauben erhalten. Wir sprechen hier vom Kern der christlichen Gemeinschaft, ihrer Mitte, aber weder denken wir noch handeln wir kreisförmig. Wir denken und handeln immer noch so wie der angesehenen Pharisäer, nämlich in Rechtecken mit ihren Vorne und Hinten. Und was noch schlimmer ist: wir denken auch, dass es Personen gibt, die oben und unten anzuordnen sind; wir denken, dass es Brüder gibt, die vorne und hinten anzuordnen sind. Wir erleben unsere Glaubensgemeinschaften wie Langstreckenflüge: einige sind immer noch Passagiere der Economy- und Touristen-Class (weil sie immer noch fremd am Tisch sind), aber andere sind aufgrund ihres Standorts in der Kirche Passagiere der First- oder Business-Class.

Und dennoch, wenn Jesus spricht, denkt, fühlt und handelt, so tut er das in Kreisen, wir aber übersetzen seine Botschaft in Rechtecke.

In diesem Bibeltext finden wir Anweisungen sowohl für den (un-)geladenen Gast als auch für den Gastgeber und Hausherrn. Viele Worte, die an den Gast gerichtet sind, erinnern uns an den Gesang der Maria, das Magnificat (Lk 1,46-55), wo uns die radikalen Umbrüche aufgezeigt werden, die es in der Sozialstruktur des Reichs Gottes geben wird. Diese Hoffnung teilen wir heute mit Personen und Gruppen, die anfällig sind für HIV und AIDS. Wir erhalten mit viel Genuss, Freude und Kraft die Einladung, die Werte dieser Gesellschaft und auch vieler Kirchen und eine Interpretation der Bibel, die dem angesehenen Pharisäer mit seinem Tisch eigen ist, auf den Kopf zu stellen, um die Hermeneutik Jesu und seinen Tisch der menschlichen Gemeinschaft zu finden. Das hat Konsequenzen: dafür einzutreten und zu verkünden, dass die, die hinten sind, eingeladen sind, in die Mitte zu kommen und dass die, die draußen sind, jetzt Teil des Kerns sind, führt konsequent zum Kreuz. Für uns, die wir die Realität der HIV- und AIDS-Epidemie und den Prozess der Umkehr, den uns die Epidemie auferlegt hat, erleben, sind die Anweisungen Jesu in diesem Bibeltext von einer ausserordentlichen Klarheit und revolutionären Kraft. Wenn wir das Herrenmahl feiern, dann lasst uns nicht unsere Freunde einladen, die genauso wie wir denken, die gleiche Sprache sprechen und sich genauso anziehen wie wir. Diese drei Kategorien – Freunde, Geschwister und Nachbarn – stehen paradoxerweise der anderen Dreiergruppe entgegen, an die sich die Einladung richten sollte: Arme, Kranke und Blinde. Welche wunderbare und mysteriöse Beschreibung der Personen und Gruppen, die anfällig sind für HIV und AIDS und denen wir jeden Tag über den Weg laufen. Es gibt keine bessere Beschreibung: unsere Stigmas und Vorurteile haben sie zu „Armen“ gemacht, wenn sie keinen Zugang haben zu den Medikamenten, die Lebensqualität sichern; wir haben sie zu „Krüppeln und Lahmen“ gemacht, weil wir ihnen so viele Bedingungen für den Eintritt in unsere Kirchen auferlegen; wir haben sie zu „Blinden“ gemacht, weil sie nicht mehr Jesus sehen können, weder in unseren Leben noch in unseren Glaubensgemeinschaften.

Wegen der Gnade und Vergebung Gottes sind wir heute erneut dazu berufen und hin gesandt zu den Personen und Gruppen, die mit HIV und AIDS leben, sie um die Vergebung zu bitten, die weit hinaus geht über Diplomatie, und sie einzuladen an den runden Tisch Jesu. Wir wissen, dass sie die mysteriöse und paradoxe Gruppe sind, die Jesus an seinem Tisch sitzen lassen will, wo wir alle gemeinsam mit ihm den Kern des Lebens bilden. Gott aller Tische, der du uns aus reiner und uneigennütziger Liebe erschaffen und uns auch uneigennützig das Leben und die Würde, deine Töchter und Söhne zu sein, geschenkt hast, gib uns ein Herz, das groß ist, um zu lieben, stark, um zu kämpfen, und freigiebig, um uns selbst als Geschenk denen zu geben, die nicht unsere Freunde, Geschwister und Nachbarn sind, um uns hinzugeben, bedingungslos und ohne eine Gegenleistung zu erwarten. Amen.

 

 

Lisandro Orlov ist Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Argentinien und Uruguay (IELU) und Mitglied der Ökumenischen Seelsorge im Kontext von HIV/AIDS (http://www.pastoralsida.com.ar/).


[1] Predigt: Lisandro Orlov/Übersetzung aus dem Spanischen ins Deutsche: Michael Martin Nachtrab

Die Predigt in Orginalsprache ist zu finden unter: http://www.kairos.org.ar/blog/?p=640

[2]  Lukas 14,1.7-14; Neue Zürcher Übersetzung

[3] In vielen lateinamerikanischen Städten befinden sich die Tempel der großen neopentekostalen Kirchen in alten Theatern und Kinos.