Die Armen – ein Wort, das viele Ideologien, Theologien und Religionen gerne in den Mund nehmen.

“Gib den Armen Almosen und du vollführst den Willen der Götter und Propheten und du wirst einen Schatz und Platz im Himmel haben.”

Die Armen als revolutionäre Masse, die Armen als Ort, an dem sich Gott offenbart.

Die Armen als Vergewaltiger, Mörder und Räuber.

Die Armen als Konsumenten von Drogen, Fernsehen und Fast Food.

Die Armen als Vergessene der Geschichte, als Verlierer, als Müllsammler, Müllbewohner und Müll. Die Armen als romantisches Motiv, die Armen als Teil einer Kultur, als Tango, Cumbia, Reggaeton im Kulturfernsehen.

Die Armen als Geheimtipp im Reiseführer.

Die Armen als Objekt wissenschaftlicher Diskurse über das Thema “Die Armen als Subjekt”.

Die Armen als Ausrede und als Statistik, die Armen als Meldung und politische Agenda.

Die Armen,

                die Armen,

                                die Armen.

Und wer sind jetzt diese ominösen Armen, über die alle (auch ich) reden?

Opfer?

        Sündenbock?

                            Gefahr?

Haben diese Armen keine eigene Stimme? Sind die Armen wirklich nur eine passive Masse? Machen, handeln, streben sie nach nichts?

Vielleicht gibt es ja die Armen gar nicht, zumindest nicht als Teil von Ideologien und Diskursen. Vielleicht gibt es ja nur Menschen, die verarmen oder in Armut geboren werden, leben und sterben. Menschen, die eine Stimme haben, eine Geschichte, einen Wunsch zu leben, der sie nach vorne treibt und sie zu Handelnden macht. Zu Menschen die vor allem in Würde leben wollen, die stehlen, lieben, diskriminieren, Angst haben, ihre Gegenwart verändern und ihren Kindern eine Zukunft geben wollen.

Zu Menschen, die lügen, an Gottheiten glauben, sich in Paralellwelten fliehen und Feste feiern, die sich dort, wo sie leben wie im Exil und fremd fühlen und die sparen, um sich einen Fernseher zu kaufen.

Sprache schafft Welt hat mal ein Philosoph gesagt und ich denke, wenn wir aufhören über die Armen zu reden als wären sie nur ein passives Objekt und Argument in der eigenen Argumentationsstruktur, kommen wir einer inklusiveren und gerechteren Welt ein Stückchen näher.

Und wie so oft gilt auch hier: “reden mit” ist besser als “reden über“.