Vergangene Woche wurde vor allem in den andinen und nordöstlichen Regionen Argentiniens, aber auch in den conurbanen Zonen von Buenos Aires der „Dia de los muertos“ (Tag der Toten) gefeiert.  Der Populärglaube – eine Mischung aus indigenen und vorkolonialen und christlichen Vorstellungen vom  Leben nach dem Tod – geht davon aus, dass einmal im Jahr die Verstorben ins Diesseits zurückkommen, um gemeinsam mit den Lebenden zu feiern, zu tanzen und zu essen. Die US-amerikanische Band Ozomatli hat diesen Tag in ihrem Song „Cumbia de los muertos“meines Erachtens nach ganz gut beschrieben:

Hier findest du keine Traurigkeit, sondern nur Freude/

Das ist der Tanz der Liebsten, der Liebsten, die schon lange verstorben sind/

Schau doch wie meine Mama tanzt/

sie tanzt zusammen mit meinem Bruder, der schon lange verstorben ist/

Ihre Geister kommen zusammen im Tanz/

und sie genießen es in vollen Zügen und voller Freude/

 

Nur gewisse Menschen können die tanzenden Geister unter den Lebenden sehen/

Gesegnet seien die, die meine Brüder tanzen sehen können/

meine Brüder, die schon lange verstorben sind/

Schau doch wie meine Mama tanzt/

sie tanzt zusammen mit meinem Bruder, der schon lange verstorben ist/

Ihre Geister kommen zusammen im Tanz/

und sie genießen es in vollen Zügen und voller Freude/

 

Dieser Totentanz hat längst nicht das bedrohliche Ausmaß, das Goethe in seiner Ballade beschreibt, auch wenn so ein Umgang mit dem Tod zunächst befremdlich wirkt. Es geht letztendlich darum, sich zu erinnern, d.h. Einerseits Tradition weitergeben, andererseits aber Opfer von Gewalt und Ungerechtigkeit nicht zu vergessen, und das Leben zu genießen. In einer Realität, in der (plötzliche, gewaltsame und sehr oft ungesühnte) Tod immer präsent ist, macht so eine Zeremonie und so eine Totentanz durchaus Sinn. Ich will nun aber zwei Beispiele nennen, um diesen Sinnzusammenhang etwas plastischer zu gestalten.

 

Eine Woche vor dem Tod des argentinischen Ex-Präsidenten Nestor Kirchner wurde der 23 Jahre alte Aktivist der„Partido Obrero“ (Arbeiterpartei) Mariano Ferreyra ermordet. Das Tragische daran ist, dass engagierte und solidarische AktivistInnen in Lateinamerika immer wieder Gefahr laufen, auf friedlichen Demonstrationen – wie „Bauern“ im Schach – Opfer in Konflikten zwischen verschiedenen Machtinteressen zu werden. Nun wird natürlich alles daran gesetzt diesen gewaltsamen Tod aufzuklären, aber manchmal mahlen die Mühlen etwas zu langsam und da scheint der Prozess doch einfach nur eine weitere Scharade in einem Schachspiel zu sein. Marianos Konterfei blickt jedoch von vielen Wänden auf den daily struggle in Buenos Aires und auf vielen Kundgebungen und Demonstrationen für bessere und würdigere Lebensumstände rufen sie seinen Namen, worauf die DemonstrantInnen mit „Presente“ (Anwesend) antworten. Dieses „Presente“ ist ein hoffnungsvoller und kraftvoller Ausdruck dessen, dass kein Opfer von Gewalt und Ungerechtigkeit je vergessen ist. Dieses Versprechen aber, das im Untertitel der US-amerikanischen Fernsehserie Cold Case immer innerhalb von 60 Fernseh-Minuten eingelöst wird, ist in der Realität Ameisen-Arbeit, ein jahrelanger Struggle.

 

Mein erstes Erlebnis mit einem „Totentanz“ war zunächst ziemlich befremdlich. Anlässlich des gewaltsamen Todes von vier Jugendlichen aus Villa Itati, wo ich 2005/2006 als Freiwilliger gearbeitet habe, sollte es einen Gedenk- und Trauermarsch geben, an dem der Verstorbenen gedacht und Gerechtigkeit eingefordert werden sollte. Die vier Jungs, – Diego (16 Jahre), Elias (15 Jahre), Miguel und Manuel (beide 17 Jahre) – wurden vor sechs Jahren gemeinsam mit 13 anderen Jugendlichen aus Villa Itati von der Polizei festgenommen und in kleine Zellen gesteckt. Da die Jungs dort sehr geschlagen und misshandelt wurden, entzündeten sie an 17. Oktober 2004 eine Matraze in einer Zelle, um auf sich und die schlechte Behandlung aufmerksam zu machen. Die vier starben an inneren Verbrennungen, da niemand der zuständigen Polizisten die Zelltüren öffnete, höchstwahrscheinlich sogar noch Brennstoff von außen in die Zelle geschüttet wurde und die Sanitäter erst recht spät alarmiert wurden.

An jenem 20. Oktober 2005 nahm ich also an dem Gedenk- und Trauermarsch anlässlich des Jahrestages des bis dato ungesühnten Verbrechens. Ich erwartete einen stillen Marsch voller Tränen und Seufzen und sah mich mit einem farbenfrohen und lauten Spektakel konfrontiert. Anstatt in Stille und trauernd durch die Straßen zu laufen, zeigten mehrere Murga-Tanz-Gruppen ihr Können. Dieser freunden- und kraftvolle Tanz, in dem jedes Körperteil in Bewegung ist, wirkt auf den ersten Blick Fehl am Platz, wo doch Tod, Trauer und Resignation den Takt angeben könnten. Aber jeder Trommelschlag, jeder Schritt nach vorne, jede artistische lebensgeladene und -schaffende Bewegung des Körpers zeigt am besten den möglichst fröhlichen und farbenfrohen Widerstand des ganzen Körpers; Widerstand gegen die Agonie und den Tod und alles Todbringende, wie Ungerechtigkeit und Gewalt.

Beeindruckt von diesem Totentanz, wo die Geister zusammenkommen im Tanz und es in vollen Zügen und voller Freude genießen, verstand ich erst so richtig, was Christoph Blumhard einmal gesagt hat:

Wir Christ(Innen) sind Protestleute gegen den Tod

Daher in Erinnerung an all die vergessenen Toten, die als Flüchtlinge im Mittelmeer ertrunken sind, all die Opfer von Gewalt und Ungerechtigkeit, all die namenlosen Opfer der Geschichte:

 

!!!PRESENTE!!!