Vor zwei Wochen ging mein Weg gen Norden, wo die Erde rot, das Grün der Wälder satt und die Luft feucht ist. Zusammen mit einem Professor des ISEDET und vier anderen deutschen AustauschstudentInnen habe ich die nordöstlichste Provinz Argentiniens, Misiones, und den Süden Paraguays besucht. Auf der Agenda standen dort der Besuch der deutschen evangelischen Gemeinde Hohenau und der Jesuitenreduktionen der Guarani-Indigenas.

Wir verließen also die große Stadt und durchquerten mit dem Überlandbus die Weiten Argentiniens, um dann etwa nach 12 Stunden in Misiones, das sowohl an Paraguay als auch an Brasilien angrenzt, anzukommen. Bei einem Blick aus dem Fenster erinnerte ich mich sofort an zwei Zeilen aus dem Lied „De igual a igual“ des argentinischen Liedermachers Leon Gieco:

El mundo esta amueblado con madera de Brasil/ y hay grandes agujeros en la selva misionera

(Die Welt ist mit Holz aus Brasilien möbliert/ und im Wald von Misiones klaffen große Löcher)

In wenigen Jahrzehnten haben internationale Firmen hier im großen Stil das wertvolle Hartholz für Möbel abgebaut bzw. – man kann es nicht anders sagen – geraubt. Was zurückbleibt sind große Furchen in der subtropischen Waldlandschaft. Mittlerweile wird zwar hier und da wieder aufgeforstet, doch es braucht viele Jahrzehnte, um die Löcher zu kaschieren, in denen ein großer Teil der Artenvielfalt auf immer verloren gegangen ist.

Verloren und vergessen waren auch lange Zeit die Jesuitenreduktionen der Guarani-Indigenas. Nach und nach und oft durch Zufall stieß man dann aber in den Subtropen auf diese teils überwucherte Reliquie einer alten Zeit, eine verlassene Utopie eines mehr oder weniger intgrativen Projekts, Indigenas zu christianisieren und gleichzeitig vor Sklavenjägern und Feudalherren zu beschützen. Heute sind die Reduktionen für Besucher zugänglich und die imposanten Ruinen aus rotem Stein bilden eine irreale Kulisse für einzigartige visuelle Eindrücke, die am besten für sich selbst sprechen.

 

 

 

 

 

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Die meiste Zeit verbrachten meine ReisegefährtInnen und ich jedoch in der deutschen evangelischen Gemeinde Hohenau, die während unseres Besuches ihr 100-jähriges Bestehen feierte. Die Geschichte dieser Gemeinde erinnerte mich an zwei weitere Zeilen des bereits oben zitierten Liedes:

Europa no recuerda los barcos que mando/gente herida por la guerra, esta tierra la salvo

(Europa erinnert sich nicht an die ausgesandten Schiffe/dieser Kontinent war die Rettung für vom Krieg gezeichnete Menschen)

Um dem Hunger, der Armut und später dem Krieg zu entfliehen, kamen ab dem Ende des 19. Jahrhunderts hundertausende deutschsprachige traurige und hoffende Menschen aus vielen Gebieten Europas (Österreich, Hundsrück, Wolga etc.) nach Südamerika. Dieser feucht-heiße und scheinbar lebensfeindliche Teil der Erde, sollte für die Einwanderer ein unkultiviertes fruchtbares Paradies werden. Denn Regierungen wie die Paraguays setzten auf die vermeintliche Tüchtigkeit der deutschsprachigen Hunger- und Kriegsflüchtlinge und schenkten ihnen deshalb viel Land, damit diese es kultivierten. Die nachfolgenden hundert Jahre wurden auf einem Vortrag des Gemeindefests mit folgendem Sprichwort zusammengefasst “Den ersten der Tod, den zweiten die Not, den dritten das Brot” wobei noch eine vierte Stufe hinzugefügt wurde: Den vierten die Universität. Inwiefern diese Einwanderer-Kolonie in ihr Umfeld integriert ist, kann ich schwer sagen. Einerseits gehört zu ihrer evangelischen Glaubenstradition ein diakonischer Kultur- und Bildungsauftrag, weshalb zum Beispiel seit einigen Jahren auf dem Gelände der Gemeinde ein evangelisches Internat funktioniert. Ebenso wurden aus Familienbetrieben große Firmen, die viele Arbeitsplätze bieten. Andererseits ist auch ein gewisser Exklusivismus mit Hang zum Rassismus durchaus präsent. So wird zum Beispiel die deutsche Sprache von manchen als Statussymbol betrachtet, das einer deutschstämmigen, weißen Oberschicht zu Eigen ist im Gegensatz zu einer Spanisch und Guarani sprechenden, dunkelhäutigen Arbeiterschicht. Solche skurrilen Begegnungen, die manchmal stark an Szenen aus Gerhard Polts „Fast wia im richtigen Leben“ erinnerten, blieben aber Gott sei dank die Ausnahme und gerade auf dem Abschlussgottesdienst war dann doch der Wunsch stärker, gemeinsam mit allen Menschen und Kulturen Paraguays den Weg hin zu einer inklusiven Zukunft zu gehen.

Aufgrund der Erfahrungen und Begegnungen dieser Reise schaute ich nochmal auf meinen eigenen Lebensweg zurück. Zwar war und bin ich kein Hunger- und Kriegsflüchtling, aber meine Zeit in Südamerika hatte doch einen Wendepunkt-Charakter in meinem Leben. Hier habe ich gelernt und bin gewachsen an den fruchtbaren Begegnungen und Erfahrungen. Und wie mir, so geht es vielen Freiwilligen und sie und ich sind dankbar, dass wir die Chance haben, den Weg ins Ausland zu gehen und interkulturelle Erfahrungen zu machen. Gleichzeitig ist jedoch diese interkulturelle Erfahrung, die sich nicht nur auf Freiwillige beschränkt, sondern auch Touristen und internationale Firmen einschließt, eine Einbahnstraße. Denn: Warum können Menschen mit europäischen Pass (und aufgrund des Passes und nicht nur der finanziellen Möglichkeiten) sich frei über beinahe die ganze Welt bewegen, während Menschen aus dem Ausland zu Bürgern zweiter Klasse und zu sans papieres degradiert werden? Warum können europäische Firmen es sich in Ländern des globalen Südens bequem machen, von politischen Systemen, Infrastrukturen, Ressourcen und menschlicher Arbeitskraft profitieren und Menschen zwingen als Armuts- und Hungerflüchtlinge in den globalen Norden zu fliehen, um dort an den hohen Mauern, Grenzzäunen, Selbstschussanlagen, Bürokraten und Kampfschiffen zu scheitern? Und es geht weiter: Warum wird es Jugendlichen aus dem Ausland so schwer gemacht, in Deutschland ein Freiwilliges Soziales Jahr zu absolvieren, an den interkulturellen Erfahrungen und Begegnungen zu wachsen und die Projekte mit neuen Perspektiven zu bereichern, während es doch Sinn der Sache ist, gemeinsam, gleichberechtigt und wechselseitig zu lernen und zu wachsen?

Den letztgenannten Problembereich versuche ich seit ein paar Monaten zusammen mit anderen Compañeros/as in Babyschritten zu beschreiten. Wer Interesse hat, sich unser vorläufiges Konzept und Ziele durchzulesen, den verweise ich auf die Seite:

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Den beiden erstgenannten Problembereichen will ich das bereits zweimal zitierte Lied von Leon Gieco gegenüberstellen:

In Italien nennen sie mich Bolita (abfällig für BolivianerInnen)/ in New York Colombo (abfällig für KolumbianerInnen)/ in Spanien Sudaca (äußerst abfällig für SüdamerikanerInnen)/ und Paragua (abfällig für ParaguayerInnen) aus Asuncion/

Ein Spanier lebt in Argentinien/ ein Deutscher in Salvador/ein Franzose ist nach Chile gegangen/ und ein Japaner nach Ecuador/

Die Welt ist mit Holz aus Brasilien möbliert/ und im Wald von Misiones klaffen gr0ße Löcher/

Europa erinnert sich nicht an die ausgesandten Schiffe/ dieser Kontinent war die Rettung für vom Krieg gezeichnete Menschen/

Und wenn du mich noch einmal darum bittest, wieder dorthin zurückzukehren, wo ich geboren bin/ dann antworte ich dir, dass deine Firma aus meinem Land verschwinden soll/denn dann wäre es wenigstens gerecht/dann wäre es wenigstens gerecht/

Ticos, Nicos, Boricuas, Arjos, Mejos, Panameños (Selbstbezeichnung für MittelamerikanerInnen)/ stehen Schlange vor der Botschaft, um ein Visum für das Leben zu bekommen/

Der große Dieb aber, mit seinem langem Vorstrafenregister/ wird gleich zum Presidentenzimmer durchgewunken/

Die sogenannten Illegalen, die keine Ausweispapiere haben/ sind hoffnungslos verloren ohne Arbeit und Lebenswillen/

Die wahren Illegalen sind diejenigen, die Pinochet haben gehen lassen/ England hat sein Ansehen und Gesetz einfach über Bord geworfen/

(freie Übersetzung von M.N.)