Mittlerweile ist der Frühling in Buenos Aires angekommen und ich beginne, die

Frühling in Buenos Aires

Vorzüge des kleinen Parks inmitten der Universitätsanlage des Instituto Superior Evangelico de Estudios Teologicos (ISEDET), wo ich wohne, lebe und studiere, zu schätzen. Die Bäume tragen grün und kleine, aber zahlreiche Blüten, die zwar stumm, aber farbenfroh das Ende des Winters verkünden. Zwei Bänke laden ein, sich im Sonnenlicht zu entspannen, die schneeweiße Haut zu bräunen oder in ruhiger Atmosphäre zu lesen. Und das tue ich auch, so oft es mir möglich ist, um wieder einmal festzustellen, dass ich doch ein Sonnenkind bin, obwohl ich doch in jeder Jahreszeit mein Herz ausgehen lassen kann, um Freude zu suchen. Ich liebe es, in der Sonne zu sitzen und zu spüren, wie all die Strahlen meinen ganzen Körper (Seele, Geist, Herz, Leib) angenehm erwärmen. Doch was in der entspannten Atmosphäre des kleinen Gartens den Genuss der Wärme und der satten Farben zum Luxus macht, gestaltet sich draußen im Alltag als Störfaktor. Denn die gleiche Sonne, die ich hier beim Schreiben dieser Zeilen genießen kann, blendet, sticht in die Augen und lässt mich schwitzen, sobald ich in das alltägliche Treiben der Straßen von Buenos Aires eintauche und mich dort zurechtfinden muss. Auf der Straße aber komme ich in Kontakt mit anderen Menschen, die mir meine Nahrung oder meine Bustickets verkaufen – eine bunte Vielfalt von Menschen, die in dieser großen Stadt und unter der blendenden und schweißtreibenden Frühlings-Sonne tagtäglich strugglet ( → to struggle).

Zwischen drinnen und draußen, kleinem, beschaulichem Garten und Großstadt mit allem, was dazu gehört, steht festungsgleich das Hauptgebäude des ISEDET, wo die Kurse und das sonstige universitäre Leben stattfinden. Hier studieren und lehren Menschen unterschiedlicher Herkunft (Bolivien, Mexiko, Argentinien, Deutschland) und verschiedenster Konfessionen (MethodistInnen, AnglikanInner, ValdenserInnen, LutheranerInnen), was dem blaßen Äußeren des Gebäudes ein buntes Innenleben beschert. Die Kurse versuchen von dieser Vielfalt zu profetieren, weswegen beinahe alle einen Seminar-Charakter haben und für Diskussionen einen großen Platz lassen.

Instituto Superior Evangelico de Estudios Teologicos

Das ISEDET steht, meines Erachtenes nach, nicht nur als Gebäude zwischen Garten und Straße, sondern als Wissenschaft. Einerseits können sich hier die ProfessorInnen und Studierenden den „Luxus gönnen“ Texte zu analysieren, Bücher zu wälzen und eben zu forschen. Andererseits sind hier die meisten Studierenden gezwungen, nebenbei zu arbeiten – weswegen wohl die Kurse auch erst um 18 Uhr beginnen. Außerdem machen hier die Studierenden ganz viele praktische Erfahrungen in kirchlichen oder sozialen Projekten und all diese Erfahrungen, die draußen auf der Straße gemacht werden, fließen in die Kurse ein,in Form von Anfragen an eine Wissenschaft, die manchmal fröhlich und sonnengebrannt vor sich hinforscht, weit weg von der Straße und dem Struggle der Menschen.

So sehr ich diesen Garten schätze und so gerne ich auch wissenschaftlich arbeite und forsche, so wichtig finde ich es aber auch, Erfahrungen mit Menschen, die strugglen, zu machen und Eindrücke vom Leben ausserhalb des Gartens einzufangen. Sinn der Sache soll es aber nicht sein, wie bei einem Zoo-Besuch einfach nur Objekte zu bestaunen und Fotos zu schießen, sondern eine Interaktion zwischen Subjekten zuzulassen und eine helfende Hand zu geben und in den meisten Fällen ein Lachen, eine Geschichte oder einen Mate zurück zu bekommen.