Als am vergangenen Mittwoch der letzte Minenarbeiter gerettet wurde und zum 33. Mal das „CHI-CHI-CHI-LE-LE-LE“ ertönte, schien es so, als wäre die Welt vollkommen erleichert im Freudentaumel versunken. Ich glaube gerne, dass in jener Nacht, zum erstem Mal seit dem Sprachenwunder an Pfingsten, das Wort „Wunder“ in den verschiedensten Sprachen die Runde um die Erde machte. Denn was passiert ist, war ohne Zweifel ein Wunder. Etwas, das von selbst- und Geldsüchtigen Menschen gewissenlos durchdacht und noch gewissenloser durchgeführt wurde, hätte in einer Katastrophe enden können – eine von vielen Katastrophen, die so oft passieren. Etwas Schlechtes hat sich auf wundersame Weise zum Guten gewendet, so dass 33 Leben noch unter uns weilen – 33 Leben aus den noch so viel Zukünftiges erwachsen kann (und wieder einmal erinnere ich mich an Genesis 50,20).

Und jetzt? Der Letzte macht das Licht aus und Schwamm drüber?

Die Antwort liegt in den Worten, die der letzte gerettete Minenarbeiters Luis Urzúa sagte, als er (vielleicht nicht so symbolisch wie es vielleicht wirkte) die Schicht dem Minen-Minister Golborne übergab:

Dass das bloß nicht noch einmal passiert!

 

Das Wörtchen „das“ ist ein Steinchen, das auf das Auge eines Goliaths gerichtet ist. In Chile und vielen anderen Gegenden haben sich Minen-Mega-Unternehmen eingenistet, die möglichst schnell und kostengünstig die Rohstoffe aus der Erde fördern will. Und auch wenn es sich in den meisten Fällen nicht um Goldminen handelt, so sind die geförderten Rohstoffe auf dem internationalen Markt Gold wert, weswegen es nicht verwundert, dass die Mega-Unternehmen im Goldfieber liegen. So verlangen sie immer mehr von ihren Minenarbeitern, die man – vergleicht man ihren Lohn mit den Gewinnen der Unternehmen – ohne Probleme Sklaven nennen kann. Solchen Unternehmen wäre es nur recht gewesen, wenn der Letzte das Licht ausgemacht hätte und Schwamm drüber – aber nein! Als Luis Urzúa dem Minen-Minister die Schicht übergab, machte er deutlich, dass es jetzt Aufgabe der Politik ist, die Mega-Unternehmen in die Schranken zu weisen und sie – und sich selbst auch – dazu zu zwingen, sich vom Goldfieber heilen zu lassen, welches schon so viel Verderben in der Menschheitsgeschichte angerichtet hat.

Aber dieses Steinchen war vielleicht nicht nur auf das Auge des Goliath (als Minen-Mega-Unternehmen), sondern auch auf die tausend Augen der internationalen Medien gerichtet. Natürlich, dank ihnen konnte jede(r) einzelne von uns dem folgen, was einige die „Reality-Show der Minenarbeiter“ nannten und teilhaben am Weinen, der Beklemmung, dem Lachen, den Hoffnungen, der Freude, dem Leiden und den intimsten Gefühlen der Familienangehörigen. Für die internationalen Medien wurde die Unglücksmine innerhalb von 69 Tagen zu einer Goldmine, denn jeder Goldklumpen (ich meine Minenarbeiter), der aus der Grube geholt wurde, einen hohen Marktwert hat, der wenn man den Goldklumpen poliert und verarbeitet noch um einiges mehr steigt. Wenn das Steinchen auf diese Art von Goldfieber ausgerichtet war, dann hat Luis Urzúa die Schicht nicht nur an den Minen-Minister, sondern auch an uns übergeben, mit der Bitte, dass sowas bloß nicht noch einmal passiert. Denn wie wir alle wissen, errechnet sich der Marktwert aus Angebot und Nachfrage.