Auch den Kerberos sah ich, mit bissigen Zähnen bewaffnet
Böse rollt er die Augen, den Schlund des Hades bewachend.
Wagt es einer der Toten an ihm vorbei sich zu schleichen,
So schlägt er die Zähne tief und schmerzhaft ins Fleisch der Entfliehenden
Und schleppt sie zurück unter Qualen,
Der böse, der bissige Wächter.

(aus Homers “Odyssee”)

In der Mythologie heißt der dämonische Wachhund, der vor der Unterwelt patroulliert, Kerberos. Er scheint nie zu schlafen und ist phantomhaft, nachtschwarz. Er bellt nie lauft auf, aber schüchtert dennoch ein durch seine monströse Größe und verängstigt durch seine messerscharfen Zähne. So sorgt er dafür, dass kein/e Tote/r einen Schritt nach draußen in die Welt der Lebenden setzt. Und schafft es doch ein/e (Un)glückliche/r, sich vorbei zu schleichen, dann bekommt er/sie den unbarmherzigen Biss, Schlag und Griff des Kerberos zu spüren. Sein Herr ist der weiße Gott Hades, der zwar die Geschicke der Unterwelt lenkt, aber mit den anderen weißen Göttern und Göttinnen im Olymp verweilt oder sich frei über die Erde bewegt.

 

Die kriegstüchtige Korvette "Sibilla" im Einsatz gegen das Flüchtlingsschiff "Cap Anamur" im Jahr 2004 (Bild entnommen dem Bildarchiv von borderline-europe)

 

Im 21. Jahrhundert heißt der Wachhund, der die Oberwelt vor dem Ansturm aus der Unterwelt beschützen soll, Frontex. Auch wenn diese europäische Grenzschutzagentur makabere Ähnlichkeiten mit dem Kerberos der Mythologie aufweist, so hat man es hier jedoch nicht mit einem Geschöpf der Phantasie zu tun. Real ist das Budget, real die hochtechnologische und militärische Ausstattung, mit der man Flüchtlinge einschüchtern und abschrecken will. Real sind auch die Streifzüge bei Nacht, wenn phantomgleich und flaggenlos, bewaffnet und rammbereit  Jagd auf Flüchtlingsschiffe gemacht wird. Herrchen und Weibchen dieses Wachhundes benehmen sich zwar manchmal noch wie die weißen Gotter und Göttinnen, doch nennen sich heute VolksvertreterInnen und sitzen in Brussel, Paris, Rom, Athen, Madrid und Berlin. Hier wird die Grenzschutzpolitik der EU-Aussengrenzen und Abschiebepolitik festgelegt und nebenbei und hin und wieder auch das Schicksal der Unterwelt gelenkt.

Aber jedes europäische Land hat auch noch seinen eigenen Kerberos: Spanien hindert durch eine enorme Grenzanlage auf der Enklave Ceuta die Flüchtlinge daran, nach Europa zu kommen; in Griechenland (über)leben einige hundert Kinder in Abschiebegefängnissen zusammengepfercht und unter unmenschlichen Bedingungen; Italien hat in Lybiens Gaddafi einen willigen Kerberos gefunden, der die Abgeschobenen in einem Mini-Hades gefangen hält; und auch Deutschland setzt auf Härte, wenn es um die Abschiebung von Menschen ohne Aufenthaltsgenehmigung geht – egal, ob dadurch Familien auseinandergerissen werden oder die Menschen in ein von Krieg oder Hunger zerrütteltes Land zurückkehren müssen.

Und dennoch nehmen tagtäglich Menschen die gefährliche Odyssee auf sich. Nicht mehr nur die Mutigsten und Stärksten, sondern auch Kinder, Frauen und Schwangere versuchen der Unterwelt, dem Reich des Überlebens, der Perspektivlosigkeit und Unmöglichkeiten zu entkommen, um in die Oberwelt, das Reich des Lebens. der Möglichkeiten und Perspektiven zu gelangen. Obwohl alle wissen, welch unbarmherziger Kerberos und welche Gefahren lauern, tragen sie dennoch Lebenswillen in sich und machen sich auf mit ihrer letzten Hoffnung.

 

Vor den Kanaran befindet sich höchstwahrscheinlich das größte Massengrab Europas (Bild entnommen dem Bildarchiv von borderline-europe)

 

Auf die, die es schaffen, wartet aber dennoch eine ungewisse Zukunft als “nicht aufenthaltsberechtigte/r AusländerIn”, “sans papel” und “clandestino/a”. Und der andere größere Teil bekommt den harten Biss des Kerberos zu spüren und wird zurückgetragen in die Unterwelt. Einen meist unbekannt großen Teil machen jedoch die vielen “Toten” aus, die es nicht schaffen; die entweder auf den langen Reisen verdursten, verhungern oder ertrinken, weil das Boot kentert oder von den Schiffen der Wachhunde gerammt wurde. Fast alle sterben namenlos, unbekannt, unbeachtet und vergessen.

 

Und wir hier? Haben wir irgendeinen Nutzen davon, dass unsere Grenzen so bewacht werden, dass Flüchtlinge festgesetzt und abgeschoben werden, nur weil sie keine Papiere haben und ihr Namen nicht im richtigen Register steht? Ist es einfach hinzunehmen, dass es faktisch von den Menschenrechten eine europäische und eine nicht-europäische Fassung gibt, während erstere nur für Angehörige der Oberwelt, Menschen “mit Papier” gilt, letztere jedoch für die “sans papel”,  die sich aus der Unterwelt aufmachen?

Tatsächlich gibt es viele Möglichkeiten, sich zu engagieren, um Flüchtlingen Recht zu verschaffen, Menschen ihre Würde zu geben, sie zu begleiten auf ihrem Weg zum Leben und leider, aber notwendigerweise an die namenlosen Toten zu gedenken und ihnen ein Gesicht zu geben. Nachfolgend einige Anlaufstellen für alle, die sich engagieren wollen:

http://www.proasyl.de

http://www.save-me-kampagne.de/index.html

http://www.kirchenasyl.de/

http://www.borderline-europe.de